Baustelle der Superlative in Ägypten

Bis zu 6.850 Menschen auf der Baustelle täglich. 50 Schwerlastkräne. Beton, Stahl und Rohrleitungen in riesigen Mengen – Projekt West Nile Delta hat beeindruckende Dimensionen.

West Nil Delta (WND) ist eines der wichtigsten Energieprojekte in Ägypten. Seit März 2017 wird dort aus den zwei Feldern Taurus und Libra vor der ägyptischen Küste Gas produziert. Nun folgen mit Giza und Fayoum bald die nächsten beiden Felder. An Land wird das Gas in hochmodernen, leistungsfähigen Aufbereitungsanlagen prozessiert. Hier hat das WND-Konsortium, bestehend aus dem Betriebsführer BP und DEA, in den vergangenen Monaten und Jahren Großes geleistet, im wahrsten Sinne des Wortes.

Die bisherigen Onshore-Bauarbeiten lesen sich wie ein Buch der Rekorde. Los ging es an der Mittelmeerküste bereits 2016: Um einen festen Untergrund für die späteren Fundamente zu schaffen, musste der vorhandene Sand gegen speziellen Füllsand und Kies ausgetauscht werden. Mehr als 850.000 Kubikmeter Füllmaterial wurden gebraucht, in der Spitze waren jeden Tag mehr als 150 Lkw über einen Zeitraum von zehn Monaten im Einsatz.

Im darauffolgenden Sommer schlossen sich Pfahlrammarbeiten an, zum Beispiel für die Fundamente von sechs Stapeltanks, in denen Lagerstättenwasser und Glykol zwischengelagert werden sollen. Knapp 300 Stahlpfähle wurden allein dafür benötigt. Neue Pfahlrammanlagen mussten kurzerhand importiert werden, weil der lokale Markt wie leergefegt war. Denn in Ägypten werden aktuell mehrere große Infrastrukturprojekte von nationaler Bedeutung gleichzeitig umgesetzt, zum Beispiel der Bau von Gaskraftwerken oder anderer Öl- und Gasaufbereitungsanlagen.

Sicherheit, Qualität, Termintreue

Aus diesem Grund sind auch qualifizierte Facharbeiter knapp. Darüber hinaus sind auch die Preise in der Landeswährung gestiegen, unter anderem durch die Einführung der ­Mehrwertsteuer und die Abwertung des ägyptischen Pfundes. »Das Umfeld stellt große Herausforderungen, insbesondere an den Operator«, sagt Christof Wallmann, Projektleiter der DEA im Projekt West Nile Delta.

Sicherheit, Qualität und Termintreue – laut Heiko Thiede aus der Abteilung Upstream Facilities bei DEA stehen diese drei Ziele bei allen Arbeiten immer im Mittelpunkt. Das Konsortium habe an verschiedenen Stellen zusätzliches Geld in die Hand genommen, um die gesteckten Ziele und Standards zu erreichen. Als zu Beginn der Bauarbeiten zum Beispiel die Betonmischanlage ausfiel und ersetzt werden musste, stieg das Konsortium kurzerhand auf Lkw-Transport um und ließ den Beton vorübergehend von einer benachbarten Anlage anliefern. Da die Fundamentplatten für die Stapeltanks jeweils am Stück zu gießen waren, musste ein zu schnelles Aushärten des Betons verhindert werden. Für die Fundamentplatte des Lagerstättenwassertanks mussten zum Beispiel 900 Kubikmeter Frischbeton, was 75 Lkw-Ladungen entspricht, angefahren werden. »Aufgrund der hohen Außentemperaturen haben wir den Beton mit Eis gekühlt«, berichtet Thiede.

Da der Energiebedarf Ägyptens weiter stark gestiegen ist, ist das WND-Konsortium bestrebt, so früh wie möglich sogar höhere Liefermengen als ursprünglich geplant bereitzustellen. Zum einen wurde dazu die Anzahl der Bohrungen in den Feldern Giza, Fayoum und Raven erhöht und die Gasaufbereitungskapazität der künftig ineinander integrierten Anlagen Giza Fayoum (vormals Rosetta) und Raven zum Teil deutlich erweitert. »Diese Kapazitätserweiterung wird pa­rallel zur Anbindung der Felder Giza, Fayoum und Raven an die Gasaufbereitungsanlagen abgewickelt«, verweist Thiede auf die zusätzlichen Herausforderungen.

Zum anderen gehen Giza und Fayoum über die rund­erneuerte Anlage Rosetta bald ans Netz. Dabei hilft auch eine Zwischenlösung, die es erlaubt, Nassgas aus Giza und Fayoum im benachbarten Burullus-Terminal aufzubereiten und – falls erforderlich – zum Beispiel Glykol von dort zu beziehen. Das sichert die ambitionierten Zeitpläne ab. Darüber hinaus ermöglichen diese neuen Verbindungsleitungen Produktionsraten, die für einen gewissen Zeitraum über der Nennkapazität von Giza Fayoum liegen werden. Burullus bereitet die Überschussmengen auf, und das Konsortium kann das Mehr an Förderkapazität durch die erhöhte Zahl an Bohrungen voll ausnutzen.

Durch die frühzeitige Inbetriebnahme von Giza und Fayoum wird es für die Anlagenspezialisten noch einmal besonders herausfordernd, denn die Fertigstellung von Raven muss parallel zum laufenden Betrieb von Giza und Fayoum erfolgen. Bis zur Inbetriebnahme von Raven in der zweiten Hälfte des Jahres 2019 muss daher ein Arbeitsfreigabesystem in ausgewiesenen umzäunten Gebieten eingerichtet werden, damit die Bauarbeiten in den bereits unter Druck und Spannung stehenden Bereichen sicher fortgesetzt werden können. »Das stellt vor allen Dingen große Anforderungen an die Logistik und das Sicherheitssystem«, betont Ingenieur Thiede.

An Land fanden neben dem Anlagenbau zahlreiche weitere Arbeiten statt. Dazu gehörten unter anderem der Bau von zwei Nassgasleitungen und einer Glykolversorgungsleitung. Sie führen von der Anlandestelle im Strandbereich bis zum Onshore-Terminal. Auch eine Gasexport-Pipeline, die für die Anbindung ans nationale ägyptische Erdgas-Pipelinenetz sorgt, wurde gebaut. Warenlager, Labor und Verwaltungsgebäude sowie eine Messwarte waren ebenfalls zu errichten.

Offshore sind die Felder Taurus, Libra, Giza und Fayoum nun mit insgesamt 17 Produktionsbohrungen erschlossen. Im Feld Raven, in dem sich mehr als 50 Prozent der Ressourcen des Projekts befinden, sind bisher zwei Bohrungen fertiggestellt. »Sie waren ein Volltreffer«, sagt Wallmann. Das lässt das Konsortium optimistisch in die Zukunft blicken.